Fernstudium in der Schweiz vs. in Deutschland: Unterschiede

Wer als Schweizer mit der deutschen Bildungslandschaft konfrontiert wird, mag zunächst heftig erschrecken. Während diese in der Schweiz trotz kantonaler Unterschiede wohlorganisiert scheint, trifft man in Deutschland auf ein buntes Vielerlei, das zunächst nicht überschaubar ist, aber den grossen Vorteil besitzt, dass für wirklich jeden das passende Projekt gefunden werden kann. Dabei hilft eine mittelgrosse Anzahl von Internetportalen von zwangsläufig unterschiedlicher Qualität, da einige über 20.000 (!) unterschiedliche Fernstudiengänge auflisten.

In der Schweiz hat die FernUni Schweiz für Fernstudien de facto ein Monopol und bewahrt ihre Sonderstellung und ihr Ansehen durch eine sorgfältig gepflegte und international vergleichbare Qualität. In Deutschland findet man zwar eine grosse Auswahl, aber diese fällt häufig durch das weitgehende Fehlen von Vergleichskriterien äusserst schwer.

 

ZFU, AZAV und ZEvA

Wenn Sie sich für einen Fernstudiengang in Deutschland interessieren, sind Sie allerdings nicht nur auf Internetportale angewiesen, sondern können auf die Unterstützung einer Behörde zurückgreifen, der Staatlichen Zentralstelle für Fernunterricht ZFU. Fernunterricht unterliegt in Deutschland nicht nur der staatlichen Aufsicht, sondern die Träger und ihre Projekte sind zulassungspflichtig. Auf der Website der ZFU findet man alle gegenwärtig aktiven Studiengänge sorgfältig nach Dauer und Kosten aufgelistet. Die ZFU hat einen Ratgeber zusammengestellt, den man sich als pdf-Dokument herunterladen kann (Achtung 160 Seiten!), der in vorbildlicher Weise alle Fragen rund um das Thema Fernunterricht beleuchtet und darüber hinaus alle zugelassenen Fernunterrichtsmassnahmen und deren Anbieter aufführt.

Eine Art Qualitätssiegel für den Interessenten ist die Zulassung einer Bildungsmassnahme nach AZAV (Akkreditierungs- und Zulassungsverordnung Arbeitsförderung). Will man einen Bildungsgang durch die deutsche Arbeitsverwaltung fördern lassen, benötigt man diese Zertifizierung. Man darf stets davon ausgehen, dass die Bildungsträger, die diesen Hinweis verwenden dürfen, wie ihre Bildungsangebote seriös und deren Preise marktüblich sind.

Ein weiteres Qualitätsmerkmal ist das Siegel der ZEvA, Zentrale Evaluations- und Akkreditierungsagentur, die die Qualitätssicherung im Bereich von Studium und Lehre europaweit betreibt.

Es existieren auch noch eine ganze Reihe weiterer von neutraler Seite verliehene Prädikate, die Homepages der Anbieter schmücken sich damit gerne, aber man sollte sich eher darauf verlassen, dass Auszeichnungen von mehreren Stellen bestehen.

 

Private Bildungsträger

In Deutschland haben sich zahlreiche private Bildungsträger etabliert, von denen einige auch Niederlassungen in der Schweiz unterhalten. Die für die Schweiz besonders wichtige zweisprachige Ausbildung in Deutsch und Französisch wird man jedoch vergeblich suchen. Wer als Schweizer Rechtswissenschaften studieren will mit dem Ziel, in der Schweiz als Anwalt oder Richter tätig zu werden oder eine Laufbahn bei der öffentlichen Verwaltung anstrebt, muss selbstverständlich Schweizer Recht studieren und ist dann, wenn es ein Fernstudium sein soll, auf die FernUni Schweiz angewiesen.

Studien jenseits der Bologna-Richtlinien

Wie in vielen anderen Ländern auch, haben sich bedeutende Wirtschaftsunternehmen oder Unternehmensgruppen eigene Bildungseinrichtungen geschaffen, die in erster Linie Bildungsgänge für die eigene Belegschaft anbieten, aber diese nicht selten auch für Aussenstehende geöffnet haben. Die Berufsbezeichnung für Studien im akademischen Format ist in Deutschland häufig ›Fachwirt‹, wie etwa der Sparkassenfachwirt oder Bankfachwirt. Diese Qualifikationen sind in Deutschland hoch angesehen, ihr Bekanntheitsgrad im Ausland ist aber beschränkt.

In der deutschen Unternehmenspraxis sind sie aber nicht selten dem Bachelor gleichgestellt. Wer sich für eine berufliche Tätigkeit im sozialen Bereich interessiert, sollte sich immer auch nach Bildungsgängen ausserhalb der üblichen akademischen Ordnung umsehen, die oft sehr gesucht sind.

 

Die Fernuniversität Hagen

Die seit 1975 bestehende einzige staatliche Fernuniversität Deutschlands, heute größte Uni Deutschlands, ist für Schweizer von besonderem Interesse, da sie in Zürich ein Büro unterhält, in dem man sich nach Terminvereinbarung beraten lassen kann. Zur Wahl stehen Studiengänge in fünf Fakultäten, nämlich

  • Kultur- und Sozialwissenschaften
  • Psychologie
  • Mathematik und Informatik
  • Wirtschaftswissenschaft
  • Rechtswissenschaft

 

Dabei handelt es sich jeweils um Bachelorstudiengänge, die mit dem Master ergänzt werden können. Die Kosten sind im Allgemeinen niedriger als bei der Konkurrenz. Die Zulassungsvoraussetzungen gelten als relativ streng, aber Schweizer können davon ausgehen, dass ein Schweizer Maturitätszeugnis genügt. In vielen Studiengängen können Klausuren in Zürich und im unmittelbar zur Schweiz benachbarten Bregenz geschrieben werden!

 

Wilhelm Büchner Hochschule Mobile University of Technology

Auch die WBH ermöglicht Schweizern, die Semesterprüfungen in Zürich abzulegen. Die stark technologisch orientierten Studiengänge führen zunächst zum Bachelor, ein Masterstudium ist möglich. Die WBH bietet den Studierenden an, die Studienkosten zu finanzieren bzw. bei der Finanzierung durch die Vermittlung eines Stipendiums zu helfen. Für Schweizer kommen hier eventuell Firmenstipendien in Betracht, was im Einzelfall abzuklären ist. Ein kostenfreier Anruf (Deutschland 0800 924 10 00) verhilft zu weiteren Informationen.

 

Euro-FH University of Applied Sciences

Die Euro-FH bietet Studiengänge zum Bachelor für Bildungsmanagement und für BWL mit verschiedenen Spezialisierungen (Tourismus, Psychologie) an. Auch hier ist Zürich ein Standort für Präsenzveranstaltungen. Kostenloses Info-Material kann man hier anfordern.

Die Wahl der Beispiele zeigen, dass sich die Bildung im deutschsprachigen Raum internationalisiert hat und für Deutschland und die Schweiz identische Lernprogramme angeboten werden. Wer an der FernUni Schweiz studiert, hat vor allem den Vorteil, dass er das Prädikat „zweisprachig deutsch/französisch“ erwerben kann.